Max Dannhorn Deckelbild
Max Dannhorn Deckelbild
Carl Rohrseitz, Zirndorf
Carl Rohrseitz, Zirndorf
Moses Kohnstam Verpackung
Moses Kohnstam Verpackung
Lorenz Bolz Zirndorf
Lorenz Bolz Zirndorf
Katalogblatt Bolz 1955
Katalogblatt Bolz 1955
Bolz Mitarbeiter 1896
Bolz Mitarbeiter 1896
Patent Georg Fischr 1880
Patent Georg Fischr 1880

Wie der Kreisel die Musik erlernte und Peter Bolz aus Zirndorf als Prahlhans Geschichten erfand

Kreisel gehören zu den ältesten Spielzeugen der Menschheit. Ihr Prinzip ist einfach: Einmal in Schwung gebracht, ziehen sie unterhaltsam ihre Bahnen und drehen sie sich zum Vergnügen ihrer großen und kleinen Bewunderer. Auf ihrem Weg durch die Geschichte haben die Kreisel Spuren hinterlassen und Sammler auf der gesamten Erde sind auf der Suche nach besonders alten Exemplaren der manchmal sogar fossilen Spielzeuge. Im Laufe ihrer Entwicklung veränderten sich Aussehen und Bauweise, so dass es Tausende von Variationen gibt; vollständig wird eine solche Sammlung deshalb nie. 

Max Dannhorn Nürnberg
Max Dannhorn Nürnberg

Dort hatte der damals führende Elektrotechniker Siegmund Schuckert nach Studienjahren in den USA begonnen, sich eine kleine Existenz mit einer Reparatur-Werkstatt für amerikanische Singer-Nähmaschinen aufzubauen. Als Schuckert seinen Betrieb erweiterte (inzwischen hatte er den Dynamo erfunden und das erste Wärmekraftwerk für seinen König realisiert) verließ Wilhelm Simon die Fabrik, um sich selbständig zu machen. Und am 1. Februar 1879 erfolgte der Eintrag ins Nürnberger Handelsregister: Anfertigung von kleinen Metallwaren für die Spielwaren-Industrie.

Wilhelm Simon hatte sich bereits als Zulieferer in der aufblühenden Nürnberger Blechspielzeug-Industrie einen Namen gemacht. Durch seine unmittelbaren Kundenkontakte bekam er auch einen Blick hinter die Kulissen der Hausindustriellen, die ihm von ihren Sorgen und Nöten mit den gängigen Arbeitsgeräten erzählten. Seine Reaktion auf diese Gespräche war die Anfertigung von speziellem Werkzeug und Maschinen speziell für den Bedarf einzelner Betriebe - so wie sie jeder Kleinunternehmer benötigte.

Schon vor Jahrhunderten gaben die Kreisel Töne von sich: Sie brummten oder ließen Pfeiftöne in unterschiedlichen Höhen ertönen. Nur eines konnten sie in ihrer Evolution erst ziemlich spät: Beim Drehen auf der Stelle zusammen-hängende Melodien erklingen lassen. Erst die industrielle Verwendung von Blech machte eine solche "musikalische" Fortentwicklung möglich. Erfinder dieser erstaunlichen Entdeckung war Wilhelm Simon. Geboren am 25. September 1853 in Saarbrücken, verschlug es ihn auf der Suche nach Arbeit in die Spielzeug-Metropole.

Kreisel-Geschichte. aus: La Nature 1896
Kreisel-Geschichte. aus: La Nature 1896

Nur knapp einen Monat nach Veröffentlichung dieser Patentschrift war schon der nächste Schritt in die Zukunft des Kreisels getan. Dieses Mal kam die Neuerung aus England von einem Mann namens Marshall Arthur Wier in London mit dem Titel "Neuerungen an Kreiseln mit Vorrichtungen zur Hervorbringung von Tönen" (11. März 1879). Ihm war es gelungen, zumindest auf dem Papier, Kinder durch musikalische Töne und Arien zu unterhalten: "Die Kreisel sind aus passendem Material so hergestellt, dass, sobald sie ... in Umdrehungen versetzt oder ... zum schnellen Rotieren gebracht werden, Töne hervorgerufen werden, welche nach Belieben abgeändert, sowie auch Arien, Lieder etc. gespielt werden können.

Wilhelm Simon
Wilhelm Simon

Der junge Firmengründer setzte dabei auf eine Idee, die er schon Monate vor dem Schritt in die Selbständigkeit zur Registrierung eingereicht hatte. Es dauerte einige Wochen und nach intensiver Prüfung kam am 18. Februar 1879 endlich die langersehnte Nachricht: Wilhelm Simon erhielt vom Kaiserlichen Patentamt die Mitteilung, dass sein Antrag auf ein Patent unter der Überschrift "Kreisel mit Vorrichtung zur Erzeugung musika-lischer Töne" genehmigt worden war.     

Doch zurück zum Musikkreisel. Wilhelm Simon beschrieb seine damalige Erfindung in der Patentschrift ziemlich unkompliziert: "Durch die schnelle Rotation des Kreisels wird die in demselben befindliche Luft durch ... Flügel aus starkem Weißblech zu den oberen Löchern herausgeschleudert und durch die von unten einströmende ersetzt. Infolge hiervon entsteht eine anhaltende Luftströmung..., welche, da dieselbe an den Zungen vorbeigehen muss, solche in Schwingung versetzt, wodurch der Kreisel während seiner Rotation einen anfangs starken , dann allmählich immer schwächer werdenden singenden Ton von sich gibt..."

Diese Anordnung ließ sich nach Belieben ausbauen. Simon: "Die äußeren Wände des Kreisels sind aus Messing gedrückt, das innere Gehäuse aus Zink. Die Anzahl der Löcher als auch der Flügel und Zungen ist beliebig..." Auch den Aufzug erläuterte das Dokument: "Zur Benutzung dieses Kreisels wird eine Schnur in der Mitte an den... angebrachten Stiften festgehakt und von links nach rechts um besagtes Rohr gewickelt" dann wird zwischen die Mittelfinger jeder Hand ein Griff eingelegt, wobei man mit beiden Zeigefingern den Kreisel leicht hält; hierauf setzt ein scharfer Zug mit beiden Händen zugleich den Kreisel in Bewegung." Der Vorläufer des späteren Choralkreisels ist damit aus der Taufe gehoben.  

Michael Seidel, Zirndorf
Michael Seidel, Zirndorf

Dieser unmittelbare Begegnung mit der Kundschaft brachte den Kleinbetrieb von Wilhelm Simon voran. Wegen Platzmangel musste er 1882 in neue Räume umziehen, wo er Zubehör für Blechwaren, später auch Ziehen und Pressen produzierte. Die Firma wuchs, ein Partner wurde aufgenommen, bis 1922 Wilhelm Simon sich aus dem aktiven Geschäft zurückzog. Später erlangte die Firma Weltruf und belieferte Firmen in alle Länder der Erde mit Spezialmaschinen für verschiedene Industriezweige.

Für die Hersteller von Kreiseln öffneten sich damit ungeahnte Möglichkeiten. Es war die große Zeit der Tüftler und Bastler, die nach diesen beiden grundlegenden Erfindungen jede mögliche Variante ausprobierten und auf den Markt brachten. Selbst die große Blechspielwarenfabrik von Max Dannhorn brillierte Anfang der 1880er Jahre mit mehreren Kreisel-Patenten. Den vorläufigen Gipfel an Kreativität erreichte ein George Cole aus London mit einem Patent, der den Musikkreisel zum Bewegen mechanischer Figuren und anderer Spielzeuge verwendete. - Das Kreiselgeschäft boomte. Nürnberg und Umgebung hatten endlich eine Innovation, mit der sie die ganze Bandbreite des frühkindlichen Spielens ausfüllen konnten. Das Handicap war das Auslösen der Drehbewegung, die nur per Schnur erfolgen konnte.  Angeblich.

Die dreisten Lügen des Peter Bolz: Denn der Drillantrieb für den Kreisel ist eine Erfindung von Georg Fischer aus Nürnberg aus dem Jahr 1880

Peter Bolz
Peter Bolz

Legenden entstehen manchmal ungewollt; oft verselbständigt sich Werbung oder es werden Fakten in die Welt gesetzt, die völlig aus der Luft gegriffen sind.  Ein schönes Beispiel ist das um 1930 entstandene Gerücht über die Firma Margarete Steiff, das  behauptete, eine Hochzeitstafel beim US-Präsidenten Roosevelt sei mit Steiff-Teddybären geschmückt gewesen. Völliger Quatsch, wie sich herausstellte; es war ein Werbegag des damaligen Werbechefs von Steiff. Ähnliches passierte, wenn man es wohlwollend betrachten würde, beim Kreisel-Hersteller Lorenz Bolz in Zirndorf, nachdem sein Sohn Peter 1907 nach dem Tod des Vaters Chef der Fabrik wurde. Peter Bolz nahm es mit der Wahrheit  nicht so genau. Er wurde zum Prahlhans, Wichtigtuer und Aufschneider, wenn es um die Verdienst seiner Firma in Sachen Kreisel-Entwicklung ging.

Anzeige von 1913 - Kein Hinweis auf das neue Patent.
Anzeige von 1913 - Kein Hinweis auf das neue Patent.

In seinen Jubiläumsschriften und in diversen Artikeln nahm der Kreisel-Hersteller aus Zirndorf bis heute für sich in Anspruch, die sogenannte Drillstange als Kreisel-Antrieb erfunden und 1913 ein entsprechendes Patent dafür erhalten zu haben. Trotz intensiver Recherche war es mir  nicht gelungen, dafür einen aktenkundigen Beweis zu finden - weder als DRP noch als DRGM. Denn diese epochale Erfindung ist ein Meilenstein in der Geschichte des Kreisels und hätte irgendwo registriert seein müssen.  Der Zufall kam mir zu Hilfe. Über einen Hinweis in einer Schweizer Patentschrift landete ich schiießlich bei den Unterlagen aus dem Kaiserlichen Patentamt in Berlin. Dort hatte der Fabrikant Georg Fischer aus Nürnberg unter DRP 13 298 das Patent für eine "Vorrichtung, um Kreisel in rotierende Bewegung zu setzen" registrieren lassen. Nicht nur die Überschrift des Patents sondern auch die beigefügte technische Zeichnung sind eindeutig: Was immer Peter Bolz 1913 erfunden haben mag, es war auf jeden Fall nicht die Drillstange für den Spielzeug-Kreisel. 

Firmengründer Lorenz Bolz mit Familie
Firmengründer Lorenz Bolz mit Familie

Das Unternehmen Bolz ist heute nicht mehr in Familienbesitz. Es wurde vom tschechischen Spielwaren-Hersteller "SiMM" übernommen. In dessen firmeneigenen Internet-Auftritt wird auf die Historie der Firma Bolz eingegangen. Dort werden die alten und nun auch neue Behauptungen von Gernegroß Peter Bolz weiter gepflegt: So hat er laut Firmentext auch  "den berühmten Musikkreisel erfunden"... Und weiter: "1937 gelingt es, einem Kreisel eine Scala von bis zu 20 Tönen zu entlocken - die Geburtsstunde des Choralkreisels".

Doch das alles war eigentlich  einige Jahrzehnte früher passiert: Schon im Bing-Katalog von 1901 werden Musik- und Choralkreisel in verschiedenen Ausführungen angeboten (von Dannhorn). Und 1919 wirbt Märklin für seinen eigenen Musikkreisel - Choralkreisel (siehe unten). Was mag Peter Bolz motiviert haben, derartige Phantasien zu spinnen? Irgendwie scheint in der Geschichtsschreibung bei Bolz etwas durcheinander geraten zu sein - der legendäre seriöse Ruf des Kreisel-Herstellers Lorenz Bolz jedenfalls steht auf tönernen Füßen. Alles Lüge? ... oder was? (jmcie)

 

siehe auch: Lexikon der deutschen Blechspielzeug-Industrie mit  ausführlicher Beschreibung der deutschen Hersteller. Wer das Thema Kreisel vertiefen möchte, sei auf folgendes Standardwerk verwiesen: Arthur Verdoorn "The Lost Art of "Spinning Tops", 2010, published by J.A. Verdoorn, Dalerstraat 32, NL 7843 PE Erm. mail: asverdoorn@planet.nl


Bing - Märklin - Beispiele für Musik- und Choralkreisel

Katalog Bing 1901
Katalog Bing 1901
Märklin Katalog 1919
Märklin Katalog 1919

Reichs-Patente für Musik- und Choralkreisel zum Download