Ignaz Bing fordert: Faire Löhne - Bessere Zukunft für die Kinder - Arbeitgeber müssen neu denken

Briefkopf einer Rechnung vom 2. Dezember 1909
Briefkopf einer Rechnung vom 2. Dezember 1909

Für mich war es eine Sensation, als ich zum ersten Mal hörte, dass Ignaz Bing seine Lebenserinnerungen in mehreren Bänden schriftlich niedergelegt hatte. Auf der Suche nach Fotos aus der Bing-Familie für das "Lexikon der deutschen Blechspielzeug-Industrie" kam ich damals in Kontakt mit Marianne Mohr, einer Ignaz-Bing-Enkelin, die in Israel lebte. Sie hatte einen Artikel über ihren Vater, den Germanisten Dr. Siegmund Bing, geschrieben und dazu mehrere Familien-Fotos veröffentlicht. Diese Fotos wollte ich unbedingt haben. Die Telefon-Nummer war schnell gefunden und ich bat um Genehmigung für den Abdruck der Fotos. Wir telefonierten mehrere Male miteinander (manchmal mehr als eine Stunde) und besprachen auch die Geschichte ihrer Familie. 

Und sie erzählte mir von einem Manuskript, das Ignaz Bing in der Zeit des Ersten Weltkrieges verfaßt habe. Es umfasse, so Marianne Mohr, mehrere hundert Seiten mit der Schreibmaschine geschrieben und würde eigentlich alle meine Fragen bezüglich Familie und Unternehmen beantworten. Doch sie selbst habe das Manuskript nur für eine bestimmte Zeit einsehen und lesen dürfen, weil es von der Besitzerin in den USA zurückverlangt wurde. Ich erhielt einen Namen, und eine Telefonnummer, die ich anrief. Es meldete sich Hans Hirsch, Ehemann von Olga Hirsch, einer Nichte von Ignaz Bing. Sie hatte den Konzernlenker in seinen letzten Jahren als Sekretärin begleitet und nach Diktat und Korrektur auch das Memoiren-Manuskript mit mehreren Durchschlägen geschrieben. 

Original der Durchlagseite 114  - >Zoom
Original der Durchlagseite 114 - >Zoom
Ignaz Bing mit der Morgenzeitung
Ignaz Bing mit der Morgenzeitung

 

Einsehen konnte ich das Manuskript aber immer noch nicht, denn Hans Hirsch wollte die drei Bände nicht der Post anvertrauen. Seine Lösung: Eine betagte Freundin seiner verstorbenen Frau, Alter 82 Jahre, fotografierte mit einer Digital-Kamera (2003 !) Seite für Seite - es waren Hunderte sogenannter Durchschläge auf Kohlepapier. Die Fotos wurden dann per email direkt an meine Adresse gesandt, ausgedruckt und von unserer Mitarbeiterin in Word erfasst. Wie ich später erfuhr, hatte Hans Hirsch die Memoiren nach dieser Aktion dem Museum für jüdische Kunst und Kultur in den USA in New York City zur endgültigen Aufbewahrung übergeben. Mich autorisierte er, dieses Manuskript als Buch zu veröffentlichen.

 

Beim Erfassen des Textes fehlte allerdings die Seite 114 und sie war trotz mehrmaliger Rückfragen nicht aufzufinden. Sie schien verschollen. So musste das Buch "Ignaz Bing - Aus meinem Leben" ohne diesen Text mit einem entsprechenden Vermerk veröffentlicht werden. Bis am 11. September 2011 eine Dame (sie möchte anonym bleiben) aus England Kontakt mit mir aufnahm. Sie war mit einem Urenkel von Bing verheiratet und im Besitz eines weiteren Exemplares nicht nur der Lebenserinnerungen, sondern auch einiger Familienfotos. Auf ihrer Suche nach weiteren Familiendokumenten hatte sie von unserem geplanten Blechlexikon gehört. Und ihr Bing-Manuskript enthielt die verschollen geglaubte Seite 114, die ich auf Anfrage umgehend als Kopie erhielt.

 

Schon bei Herausgabe der Bing-Memoiren als Buch im Jahr 2004 hatte ich in der Einführung die Vermutung geäußert, dass diese fehlende Seite aus "meinem" Exemplar von Unbekannt absichtlich herausgerissen worden war. Denn ihr Inhalt war ein politisches Glaubensbekenntnis, mit dem einige Bing-Erben nichts anfangen konnten. Das war nicht ihre Welt, für sie war es purer Sozialismus. Dieser Text, so umstritten er in der Familie damals war, wird hier zum ersten Mal veröffentlicht. (Text: jci; Fotos: Bing, jci)   

"Mein soziales Bekenntnis ist, kurz zusammengefasst, folgendes: Ich bin der Meinung, dass jeder gute Mensch sozial empfinden müsse, das heißt, er muss sich darüber klar sein, dass, trotz dem im Laufe der Jahre ungemein Wichtiges und Bedeutendes durch die soziale Gesetzgebung geschaffen wurde, es damit noch nicht am Ende sein kann. -

 

Ich halte heute die Anforderungen der Arbeiter nach besseren Lebensbedingungen, ob solche nach der einen oder der anderen Richtung laufen, für berechtigt; der Arbeiterstand hat sich im Laufe der Jahre auf eine höhere Stufe gestellt, und man findet unter demselben nicht wenig Eltern, die von der Sehnsucht erfüllt sind, ihren Kindern eine bessere Erziehung und damit auch eine bessere Zukunft zu sichern. - Sind auch die Arbeitslöhne, wie sie zur Zeit bezahlt werden, für den jungen und unverheirateten Arbeiter mehr als genügend, so liegen doch die Verhältnisse weniger günstig, wo es sich um Familien handelt, bei welchen die Wohnungsverhältnisse, die Erziehung und Bedürfnisse der Kinder usw. mitsprechen. -

 

Eine gewisse soziale Not liegt aber immer noch in der Arbeiterschaft, und das, was im Laufe der Jahre für Besserung geschehen ist, war eine unabweisbare Pflicht der Arbeitgeber, die nur das gutmachen sollte, was in früheren Jahren bei weniger sozialem Empfinden gesündigt wurde. Auf Ordnung und Disziplin schauen, andererseits jedoch die Arbeiterschaft mit echtem, nicht mit diplomatischem Wohlwollen behandeln und auch darauf sehen, dass die Beamten und Vorgesetzten in den Fabriken von den gleichen Gefühlen erfüllt sind.

 

Wenn auch damit nicht alle Differenzen ausgeglichen und alle Dinge beseitigt werden, über die auch der Arbeitgeber mit Recht sich beklagt, wo wird doch ein echter Zug des Wohlwollens, der durch die Geschäftsführung geht, immerhin dazu beitragen, dass eine gewisse Anzahl zuverlässiger und dem Unternehmen freundlich gesinnter Arbeiter sich heranbildet..."