Fortsetzung:   Blechverbindung von F. C. Bellinger

Franz Carl Bellinger ließ sich seine Schlitz/Zäpfchen-Erfindung patentieren. Am 25. März 1887 teilte er dem Kaiserlichen Patentamt in Berlin mit, dass er eine neue "Verbindung von Blechen" gefunden habe. Und er erläuterte seinen Antrag mit der folgenden Beschreibung: "Jede bekannte Verbindungsart hat ihre besonderen Nachteile. Verlötete Bleche können nicht emailiiert werden und die Naht besitzt auch keine Widerstandskraft. Vernietete Bleche zeigen wegen der vorstehenden Köpfe kein vorteilhaftes Äußeres, gefalzte Bleche haben sehr dicke Falzränder." 

Seine Lösung: " ... dass an dem einen Blechrand rechtwinklig oder gleichlaufend mit ihm Schlitze eingestanzt werden, während am anderen Blechrande rechteckig, trapezförmige, halb ovale oder ähnlich gestaltete Lappen aufgebogen werden, die in die Schlitze des ersteren Blechs eingesteckt, dann umgebogen werden... welche ferner sehr große Widerstandskraft gegen ein Auseinandertrennen zeigt." Bellinger überzeugte das Kaiserliche Patentamt mit seinen Unterlagen und Zeichnungen und erhielt unter der Nummer 165 850 das Patent zugesprochen. 

Zwei Laschen werden durch eine winzige Scheibe mit Schlitz gesteckt und umgebogen. Eine Methode, die insbesondere ab etwa 1900 bei figürlichem Blech die Körperhälften zusammenhielt.
Zwei Laschen werden durch eine winzige Scheibe mit Schlitz gesteckt und umgebogen. Eine Methode, die insbesondere ab etwa 1900 bei figürlichem Blech die Körperhälften zusammenhielt.

Die immer auf technisches Knowhow hungrige Blechspielzeug-Industrie erkannte schnell das Potential dieses Patents für die eigene Produktion. Wer sie als erster in seinem Betrieb einführte, das wird ein Geheimnis bleiben. Denn F. C. Bellinger hätte vermutlich Lizenzgebühren von den Betrieben verlangt. Derartige Zahlungen jedoch waren in der Spielzeug-Industrie verpönt, denn in dieser Branche galt von je her das Kopieren von Design oder Technologie als Kavaliersdelikt. Es wurde nachgeahmt und geklaut, was immer Erfolg auf dem Markt versprach. Gerichtliche Auseinandersetzungen sind  so gut icht bekannt. 

Erst 1903, also wie gesetzlich vorgeschriebenen, wurde die Schutzfrist für das Bellinger-Patent aufgehoben. Die kreativen Spielzeug-Fabrikanten hatten in der Zwischenzeit eigene Lösungen ausgetüftelt, die zwar auf dem Bellinger-Prinzip beruhten. Aber sie waren so geschickt vorgegangen, dass eine Verletzung des Patents rechtlich nicht zu nachzuweisen war.

Zu den wohl schönsten Beispielen für ein vollendetes Blechspielzeug gehört dieser Wohnwagen-Anhänger der Firma Kellermann. Nirgendwo an diesem Objekt ist irgendeine Verbindung von Blechteilen erkennbar, alles fügt sich aneinander. Keine Laschen, keine Schlitze, nichts weist auf herkömmlichen Verbindungen hin. Die Nahtstellen sind fast unsichtbar. Das ist gelungene Perfektion, entstanden 1978 in der damals letzten noch arbeitenden Blechspielzeug-Fabrik. Mit diesem Höhepunkt meisterlicher Handwerkskunst in Sachen Blech verab-schiedete sich Kellermann und mit dem Unternehmen auch die 200 Jahre alte Geschichte des Blechspielzeugs. (jci)